Piłsudski-Regime in Polen


Piłsudski-Regime in Polen
Piłsudski-Regime in Polen
 
Am 12. Mai 1926 löste der ehemalige »Vorläufige Staatschef« (1918-22) Piłsudski, unterstützt von Teilen der Armee, einflussreichen Großgrundbesitzern und der politischen Linken, in Warschau einen Staatsstreich aus, um die häufigen Regierungskrisen, die von Inflation begleiteten sozioökonomischen Probleme und den außenpolitischen Prestigeverlust Polens zu beenden. Trotz seiner Aversion gegen die herkömmlichen politischen Parteien griff er das von ihnen 1921 geschaffene Verfassungssystem in den nächsten neun Jahren formal nicht an. Ferner lehnte er die Wahl zum Staatspräsidenten ab und begnügte sich, obschon er zweimal kurzzeitig selbst den Regierungsvorsitz übernehmen musste, mit dem Amt des Kriegsministers und des Generalinspekteurs der Streitkräfte. Gestützt auf eine ungewöhnliche Autorität sowie getragen vom Vertrauen der Armee begründete er seine »moralische Diktatur«, die eine »Sanierung« des politischen Lebens vornehmen und den Machtverfall im Innern und nach außen aufhalten wollte.
 
Da der Versuch, die persönliche Gefolgschaft Piłsudskis in einem »Parteilosen Block der Zusammenarbeit mit der Regierung« zu organisieren, nicht den gewünschten Erfolg brachte, kam es immer häufiger zu Rechtsbeugungen. Die Verfolgung von Oppositionellen und die Manipulation der Sejmwahl im Herbst 1930 stellten die schwerwiegendsten Verletzungen der Verfassung dar. Mit großer Anteilnahme trieb der Marschall die Verabschiedung eines neuen Grundgesetzes voran, das dem Staatsoberhaupt im Rahmen einer präsidialen Republik wesentliche Rechte einräumte. Ohne wirkliche Achtung für die demokratische Staatsform glaubte Piłsudski vor der Lösung der gewaltigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Zuflucht zu einer zunehmend autoritären Herrschaftspraxis nehmen zu müssen; sein Tod am 12. Mai 1935 hat Polen vor der Gefahr des Übergangs in eine Diktatur bewahrt.
 
Nach dem Abschluss von Nichtangriffsverträgen mit den mächtigen Nachbarn UdSSR (1932) und Deutsches Reich (1934) verfolgte Außenminister Józef Beck das Programm, ein von Frankreich weniger abhängiges Polen zur Führungsmacht in Ostmitteleuropa zu machen. Verhängnisvoll für Polen wirkte sich aus, dass die Nachfolger Piłsudskis nicht an der vom Marschall nüchtern an den Machtverhältnissen orientierten Außenpolitik festhielten und eine der eigenen Stärke unangemessene Schaukelpolitik betrieben.
 
Nach Piłsudskis Tod verfiel sein autoritäres System sehr schnell, obschon es in seinen Grenzen bis zum deutschen Überfall 1939 fortbestand. Es fehlte den Epigonen die Autorität, die Skrupellosigkeit und die unbeugsame Charakterstärke des Vorbilds, zumal es nicht gelang, die schweren Sozial- und Wirtschaftskrisen zu meistern.

Universal-Lexikon. 2012.

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